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Zeitgeschichte

Eine Auswahl von Berichten zur Zeitgeschichte in unserer Region (Gottfried Nitzsche)

Vor 190 Jahren, als Napoleon sich aus Russland zurückzog, streifte die Weltpolitik Bischofswerda und die umliegenden Dörfer. Wo Napoleons Truppen ihre Spuren hinterließen, beschreibt eine mehrteilige Serie, die die Sächsische Zeitung veröffentlichte.

(1) 1813 Napoleons Truppen auf der Flucht

Nach dem Brand von Moskau, der furchtbaren Kälte und dem plötzlich einsetzenden Tauwetter war die Niederlage der großen Armee Napoleons, zu der auch eine sächsische Streitmacht gehörte, besiegelt.

Im Februar kamen die ersten Trümmer der verbündeten Armeen in unserer Gegend an. Am 7. März marschierte, wenn man das noch sagen konnte, das Sächsische Albertsche Dragoner-Regiment durch Frankenthal und auf der Alten Straße nach Radeberg zu. Es bestand nur noch aus 120 Mann.

Der Großröhrsdorfer Hausbesitzer und Schuhmacher Johann Georg Gebler schrieb von den Maitagen dieses Jahres: "Auf dem Wege von Lichtenberg her kam ein starker Marsch Russen bei unserer Kirche herein und marschierte ins Dorf hinauf nach Bischofswerda, bestehend aus dem General-Feldmarschall Graf von Witgenstein; 60 bis 70 anderen Generalen, gegen 500 bis 600 Officiren. Am 10. Mai musste unser Dorf 200 Pfund Brod nach Bischofswerda liefern." Gebler schrieb weiter: "Die Russen retirirten auf der Herrstraße nach Bischofswerda zu. Diese setzten sich auf dem Kapellenberge bei Schmiedefeld fest, und die Franzosen besetzten das Dorf, in welches Erstere schossen.
Schon beim dritten Schusse brannte die Kirche, und nebst dieser ging auch die Pfarrwohnung, die Schule, das Gerichte und der Posthof nebst anderen Gebäuden in Flammen auf. Die hiesigen Berge waren während dessen mit Französischsen Piquets besetzt, und den ganzen Tag über ritten die Posten von einemPiquet zum anderen durch unsere Saaten.
Nach langem Gefechte mussten endlich die verbündeten Truppen weichen; sie retirirten über Bischofswerda, wobei die ganze Stadt eingeäschert wurde."

Der damalige Pastor-Substitut F. Jacob, welcher mit seinem Principal Müller geflohen war, berichtete über diese Schreckenstage folgendes: "Als im Mai des Jahres 1813, nach der Schlacht bei Lützen, die verbündeten Heere der Russen und Preußen auf ihrem Rückzuge den Weg durch die hiesige Gegend nahmen und die Franzosen ihnen auf dem Fuße folgten, sollten die Einwohner Schmiedefelds, welches unweit der nach Schlesien, Polen und Rußland führenden Landstraße gelegen, schon seit 1806 durch Durchmärsche, Einquartierungen, Lieferungen ungemein gelitten hatten, das noch härtere Schicksal treffen. Alles, was sie an Vieh, Getreide, Futter noch erhalten hatten, nebst Wagen und Geschirr, den Händen der Krieger überlassen zu müssen, und ein Theil derselben war noch überdem so unglücklich, selbst ihre Wohnungen zu verlieren, indem am 12. Mai gedachten Jahres, bei einer damals hier statthabenden Affaire, wo von den das Dorf beherrschenden, mit groben Geschütz bepflanzten Anhöhen herab dasselbe beschossen wurde, der obere, nach der Landstraße hin gelegene Theil abbrannte.
Die Einwohner des Ortes hatten größtentheils vor dem Brand die Flucht ergriffen. "Die gleichzeitig erfolgende Flucht der hiesigen Post zu ihrem Fortkommen benutztend, verließen wir am 10. Mai heimlich die Heimath und eilten, Wohnung und Habe den Kriegern preisgebend, fort." Die Flüchtenden waren die ganze Nacht hindurch unterwegs. Wo sie schließlich einen Unterschlupf fanden, erfahren sie im nächsten Teil der Serie.

(2) 1813 Schmiedefeld brennt nieder

Grund sind Scharmützel zwischen russischen und französischen Truppen / Ein Jahr später erkranken 395 Einwohner an NervenfieberDie ganze Nacht durchreisend, kamen die Einwohner von Schmiedefeld in Lobendau an, einem Grenzort zwischen Sachsen und Böhmen. "Hier trennten wir uns, indem der Pfarrer sich von hier fort zu seinen Anverwandten nach dem einen der katholischen Geistlichen des Ortes, dem Pfarrer Schulze."Am 10. Mai war das. Bereits zwei Tage später, am 12. Mai, erfolgte der Brand von Schmiedefeld. Pastor Jacob berichtet: "An demselben Tage nachmittags ging Bischofswerda in Flammen auf. Schrecklich war von des wilden Brandes Gluth der nordöstliche Himmel geröthet. Von Lobendau, wo ich beim dortigen Pfarrer mich 14 Tage aufgehalten hatte, nach Sachsen zurückkehrend, musste ich, meines Obdaches in Schmiedefeld verlustig geworden, ein Unterkommen in Harthau suchen. Ich fand es auf dem dortigen Rittergute, und hier, wo ich bis nach erfolgtem gänzlichen Rückzuge der Franzosen noch zu mehreren Malen ausgeplündert wurde und einmal selbst nahe daran war, erstochen zu werden - blieb ich, bis an Michael 1816 der Wiederaufbau des Pfarrhauses in Schmiedefeld erfolgt war, worauf ich hierher zurückkehrte", erzählt Pfarrer Jacob.Von den im Monat Mai flüchtig gewordenen Einwohnern des Ortes war ein Teil kaum in die Heimat zurückgekehrt, als diese im Sommer 1813 während des damals zwischen den Franzosen und den Verbündeten eingetretenen Waffenstillstandes, die Bewohner sich von neuem genötigt sahen, die Flucht zu ergreifen.Pastor Jacob schildert die Gründe: "Nicht nur, dass damals, wo sich in der Nähe von Schmiedefeld ein bedeutendes französisches Lager befand, die Einwohner von Seiten der im Lager befindlichen Mannschaften fortwährend beunruhigt wurden. Es wurden auch von den letzteren fast sämtliche, beim Brande vom Feuer verschont gebliebenen, damals noch stehenden Gebäude theils gänzlich niedergerissen, theils durch Abdeckung der Strohbedachungen werden Mangel an Streu, - Hinwegschaffung von Thüren, Dielen, Fenster und anderem mehr, in´s Lager, in völlig unbewohnten Zustand versetzt."Von dieser Zeit an stand das Dorf gänzlich verlassen erzählt der Pastor und berichtet weiter: "Es brannten aber in Schmiedefeld am 12. Mai 1813 über 14 Häuser und 24 Scheunen und Nebengebäude ab. Darunter waren die Kirche, das Erbgericht und die Schule. 14 Häuser und 35 Scheunen mit Seitengebäuden hatten die Soldaten weggerissen, 42 Häuser ganz ruiniert. Im Anfange des Jahres 1813 waren allhier 143 Gebäude befindlich und im Winter 1814 konnten nur der Gastwirth und zwei Müller zur Noth in ihren Häusern wohnen. Zu Anfange des Jahres 1813 waren hier 422 Einwohner. Davon erkrankten am Nervenfieber 395, von welchen 103 Personen starben. Familien waren überhaupt allhier 79, und diese mussten von Jacobi 1813 an bis Pfingsten 1814 in 19 Dörfern und vier Städten ihre Zuflucht suchen", schreibt Jacob in seiner Chronik.Im nächsten Teil erfahren Sie, wie die Schmiedefelder unter den russischen Truppen weiter zu leiden hatten.

(3) Frankenthal litt besondere Not

Nachdem die Prager Friedensverhandlungen keinen Erfolg hatten, nahmen Feindseligkeiten wieder zu"In diesem Jahre hatte Schmiedefeld an Einquartierungen: vier Divisions- und 10 Brigade-Generale, 32 Oberste, 28 Oberst-Leutnants, 49 Majore, 387 Ober-Offiziere, 468 Unter-Officiere erster Classe, 33 884 Unter-Officiere zweiter Classe, Gemeine, 5 387 Pferde, für welche eben so viel Rationen beschafft werden mussten, 213 Spannpferde. Dazu musste das Dorf 80 Wagen und zwei Chaisen, 14 reitende und 144 Fußboten stellen. Die Mannschaften kosteten 12 657 Thaler und 16 Groschen; die Rationen für die Pferde 2 294 Thaler und 4 Groschen, die Spannungen 242 Thaler 12 Groschen, die Boten 27 Thaler und 18 Groschen und die Hauptsumme 15 223 Thaler und 2 Groschen. Wegen einiger vorgekommener Rasttage kommen mehrere Thaler heraus, als wenn man sie nach den Mannschaften berechnete.", So berichtete Pastor Jacob über jene Zeit. Er schreibt weiter: "Ich hatte 20 Mann und 5 Officiere zur Einquartierung. Was geliefert, oder sonst genommen ist an Wagen, Vieh, Heu und Stroh, nebst der ganzen Ernte, beträgt 43 608 Thaler und 16 Groschen; nämlich 240 Thaler 8 Groschen war die Lieferung und die Prästanda 43 368 Thaler und 8 Groschen mit Inbegriff des Schanzens, Todtenbegrabens, und Pferdeverscharrens."Nach und nach kamen die noch lebenden Einwohner von ihrer Flucht zurück in ihr Heimatdorf. Sie bauten ihre Häuser teils wieder auf oder machten diese wieder einigermaßen bewohnbar. Da ihre Kirche in den Kriegstagen auch stark zerstört wurde, mussten die Schmiedefelder den Gottesdienst in der Filialkirche in Harthau besuchen. Nur Taufen und Begräbnisse fanden noch in Schmiedefeld statt. Das 1813 ebenfalls eingeäscherte Lehngericht wurde bis 1815 wieder aufgebaut, so dass der Besitzer den darin befindlichen Saal zum gottesdienstlichen Gebrauch zur Verfügung stellte. Allerdings diente dieser Saal auch für Tanzveranstaltungen, so dass sofort nach dem Gottesdienst, der aller 14 Tage stattfand, der schlichte Altar mit Bekleidung wieder bei Seite geschafft werden musste. Aber auch Harthau blieb in dieser Zeit von diesen schrecklichen Ereignissen nicht verschont. Alles, was die Einwohner in ihren Scheunen, Kellern oder auf Böden lagerten, räumten die gefühllosen Krieger aus und schafften alles auf die Felder, um dieses dort zu zerstören.Über das Schicksal Frankenthals in dieser Zeit schrieb die Sächsische Kirchengalerie: "Das für Sachsen verhängnisvolle Kriegsjahr 1813 war für Frankenthal besonders wegen der Nähe der Heerstraße sehr unheilbringend. Die Noth, welche zur Zeit des Bischofswerdaer und Schmiedefelder Brandes den höchsten Grad erreichte und Misshandlungen an denen verübt, welchen nichts mehr ab zupressen war, nöthigten zur Flucht. Frankenthal war fast des gänzlichen Viehes beraubt. Keine Kuh war im Stalle, keine Garbe in den Scheunen zu finden. Viele Häuser, besonders in der Niedergemeinde, wurden geplündert, und Viele behielten von Kleidungsstücken nur diejenigen, welche den Leib bedeckten."Da die Friedensverhandlungen in Prag zu keinem friedlichen Ergebnisse führte, wurden die Feindseligkeiten aufs Neue fortgesetzt. In den letzten Augusttagen erreichte die Kriegsnot in Harthau für die Bewohner dieses Ortes einen Höhepunkt. Pastor Jacob von Schmiedefeld und Harthau berichtete darüber in seinem Manuskript: "Während des Europäischen Völkerkrieges hatte Harthau, weil die Heerstraße durch das Dorf führt, mehr als mancher andere Ort die Kriegsnoth zu empfinden. Alles Eigenthum der Bewohner gehörte den gefühllosen Kriegern; Scheunen, Böden, Keller räumten sie aus, und zu mehreren Malen, und in den zu Harthau gehörenden Feldern lagen sie oft zu vielen Tausenden und verwüsteten sie. Besonders groß war die Noth i. J. 1813, kurz vor der Schlacht bei Dresden (vom 24. bis 27. August), da viele Tausend Franzosen auf´s Äußerste erschöpft, bei Harthau ankamen und um das Dorf bivouacirten. Sie hatten in Eilmärschen an diesem Tage neun Meilen zurückgelegt und wollten nach Dresden. Die stürmische Regennacht trieb sie an die Wachtfeuer, an welchen sie wegen des Sturmes theils noch frieren, theils hätten sie anbrennen mögen, trotzdem, dass sie alle vom Regen trieften. Dabei kannten sie keine Vorsicht, lagerten sich an und zwischen die Häuser, wo sie vor dem Wetter etwas geschützt waren, zündeten ihr Feuer an und nährten es möglichst. Dadurch aber gerieht ein Backofenhaus in Brand; der wüthende Sturm riss die Flammen mit sich fort, und bald standen Häuser in Flammen"Über die Folgen des Feuers lesen Sie im letzten Teil der Serie.

(4) Geflohene sahen ihre Heimat nicht wieder

Großharthau geriet 1813 in die Schusslinie der napoleonischen Kämpfe
Gleichgültig und zum Theil selbst mit sichtbarem Wohlgefallen sahen die Franzosen dem Brande zu, keiner derselben regte sich, um den wenigen, aus dem Dorfe mit der Spritze herbeigeeilten Leuten Beistand zu leisten. Wohl aber sah man sie sich schaarenweis um das Feuer lagern, oder über die von den in Flammen stehenden Häusern herabstürzenden brennenden Sparren herfallen und diese fort- und an die Plätze hinschleppen, wo sie bivouacirten, ums ich an denselben zu wärmen. Bei Denjenigen, welche unbeweglich auf ihren Lagerstätten liegen bleiben, ging die Indolenz so weit, dass sie, obwohl sie von den mit der Feuerspitze herbeieilenden, aufgebrachten Einwohnern mitunter ziemlich unsanft aus ihrem Schlafe aufgeweckt wurden, sich doch nicht nur nicht hiergegen auflehnten, sondern selbst ganz ruhig blieben, als diese, mit der Spritze durch die Reihen der Lagernden hindurchstämmend, hier und da über die Flinten und Patronentaschen derselben hinwegfuhren. Diejenigen, welche um die brennenden Gebäude herum gelagert waren, schliefen vor Müdigkeit so fest, dass sie es nicht bemerkten, wenn ihnen Feuerfunken oder glühende Kohlen auf die Uniformen flogen, und manche derselben würden angebrannt sein, wenn sie nicht von den Einwohnern noch zur rechten Zeit wären aufgeweckt und mit Gewalt von ihren Plätzen weggerissen worden." Pastor Jacob schrieb weiter: "Im Jahre 1813 übernachtete Kaiser Napoleon dreimal im herrschaftlichen Schlosse zu Harthau, als: den 18. Mai, den 3. und 23. September. Am 24. September begab er sich in die Gegend von Neustadt bei Stolpen und nachdem er von da noch einmal nach Harthau gekommen war, hat er hiesige Gegend nicht wieder betreten. Bei dem Rückzuge der Lauriston´schen Heererabtheilung ward Harthau abermals hart bedrängt und befand sich mit seinem Schlosse mit Umgebung in der Schußlinie des groben Geschützes. Es hatten sich aber viele Leute von Harthau in´s Schloß geflüchtet, die, als die Granaten in das Herrenhaus einschlugen, in die nächste Angst geriehthen. Doch wurde niemand durch eine Kugel getötet oder durch dieselben ein Haus gezündet. Auf dem Kirchhofe hatten die Franzosen Kanonen aufgefahren und befanden sich mit den Russischen und Preußischen Vorposten im Gefecht, wobei die Kirche zum Wacht- und Schlachthause dienen mußte."

"Von denen in diesen traurigen Tagen von Harthau geflohenen Einwohnern sahen manche ihre Heimath nicht wieder; denn sie wurden in den umliegenden Dörfern und Städten, da sie Sicherheit vor den Feinden gesucht hatten, vom grassierenden Nervenfieber ergriffen und mussten zum Theil unter den beklagenswerthesten Umständen, entblös´t von allem Nöthigen, ihr Leben beschließen."

ENDE